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Vorstellungsvermögen

Dies ist die Geschichte von Dingen, die ich voll nicht kann [gefunden via @Apfelmädchens Ode an das Unperfektsein] und meiner Blödheit.

Ich kann gar nicht aufzählen, was ich alles nicht kann. Damit meine ich nicht Seiltanzen, klöppeln oder so. Auch nicht, dass ich voll nicht warten kann und unter Sidewalk Rage leide. Sondern ich meine so Alltagssachen, die man können könnte.

Als ich so beim mädchenmitherz und beim Apfelmädchen reingelesen habe, habe ich ständig genickt. Da gibts viele Parallelen. :mrgreen: Doch eins, was auch bei mir total die Wurzel vielen Übels ist, ist mein lausiges Vorstellungsvermögen.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich hab schon irgendwie eins. Zum Beispiel kann ich mir absurde Sachen ausmalen. Außerdem bin ich total gut, Dinge zu erfassen, konzeptionell vorauszuschauen und sowas. Doch so richtig Vorstellungsvermögen hab ich Nullkommanull.

Ich kann überhaupt gar nicht schätzen, ob was wo reinpasst oder nicht. In der Grundschule gabs mal so einen Fahrrad-Test, da stand man mit seinem Radl ein paar Meter von zwei Stangen entfernt und musste sagen, ob man da jetzt durchfahren könnte. Weiß ich doch nicht!

Mein persönlicher Lebens-Running-Gag ist auch, dass ich immer den Rest einer Wasserflasche komplett in ein Glas schütten will … obwohl ich sehe, dass es knapp wird, schütte ich weiter und weiter und weiter. Ich höre spätestens auf, wenn das Glas randvoll ist [in der Flasche ist natürlich immer noch ein Rest]. Die Folge: Ich verschütte es beim Trinken oder muss mich runterbeugen wie ein Hund, um erst mal den Pegel wieder zu senken. Bevor ich dann prompt versuche, den Rest komplett reinzuschütten, und wenn das nicht geht …

Ich habe räumlich voll die Probleme, darum bin auch ich ein Loser bei Ballspielen, aber das ist tatsächlich ein Knick in der Optik. Keine Ahnung, was man genau hat, wenn man nicht ordentlich 3D sieht, aber das hab ich. Nicht, dass ich die Welt flach wie ein Bild sehen würde, aber zum Beispiel 3D-Bilder oder -Filme kann ich nicht sehen. Das verarbeitet mein Hirn nicht.

Ich weiß noch, dass ich als Kind immer in die Seh-Schule musste. Unter anderem gabs da ein Bilderbuch mit einer Fliege, bei der man mal die Flügel flach und mal „herauskommen“ sah. Ich hab immer flach gesehen, aber weil die Sehschulenfrau so nett war, wollte ich sie nicht enttäuschen und hab randommäßig immer mal behauptet, dass die Flügel „JETZT!“ rauskommen.

Ich kann nicht bildhaft visualisieren [und manchmal weigere ich mich auch]. Vor einigen Jahren traf ich mich mal mit einer früheren Kollegin, die gerade auf Akupunktur umlernte. Sie erzählte mir: „Ich seh mich da schon, also ich seh mich richtig, wie ich da in meiner Praxis in einem weißen Kittel stehe und Patienten behandle.“ – Ich seh gar nichts. Ich kann mir wohl Sachen im Hirn vorstellen, nicht nur in Wörtern, sondern ich stells mir schon vor, aber ich seh da nichts.

Außerdem werde ich völlig verrückt bei geführten Meditationen: „Jetzt liegst du entspannt auf dem Waldboden und da ist ein Bach ..“ – Nääää, ich lieg hier auf einem Linoleumboden, nix Wiese und plätscherndes Bächlein. Kruzifix!

meditation2

Ich kann auch nichts gscheit aufbauen, weil ich nicht checke, wie das genau aussehen soll. Vorgestern hab ich ein paar IKEA-Regale aufgebaut. Reden wir mal gar nicht über Aufbauanleitungen. Es geht mir darum, dass ich bei jedem Billy-Regal, das ich jemals aufgebaut habe (und das waren einige!) immer den untersten Boden falsch rum eingebaut habe. Natürlich habe ich das immer erst gemerkt, als ich alles bombenfest zusammengeschraubt und die Rückwand angenagelt habe.

Am Mittwoch baue ich also wieder mal ein kleines Billy zusammen und schau ganz genau in die Anleitung. Da bemerke ich zum ersten Mal zwei kleine Piktogramme, die verhindern, dass man den Boden verkehrtrum einbaut. – Ich lache und denke mir: „Woah! Super, das ist extra für mich!“ Fröhlich baue ich also alles zusammen, nagle die Rückwand so fest es nur geht, stelle das Teil auf. Ist die scheißblöde Rückwand verkehrt rum!!!! Greißliches Rückwandbraun im schwarzen Regal. Nach einer Runde fluchen und dem ersten Das-lass-ich-jetzt-Gedanken, dachte ich: Näää, sieht doch Scheiße aus, dreh die Rückwand um. Geht die bescheuerte Rückwand nicht mehr raus, weil ich sie zu gut festgenagelt habe! Also hab ich sie mit einem brutalen Karatekick rausgesplittert und wütend nochmal richtig rum eingebaut.

Meine innere Logik

Zu meinem mangelnden Vorstellungsvermögen gesellt sich leider meine oft absurde Logik. Mein Gehirn macht sich die Dinge richtig. In diesem Moment erscheint mir alles wirklich sowas von logisch …

So war das zum Beispiel am Samstag, als ich mir die Rollmatratze gekauft habe.

Da ich auf der Website geschaut hatte, was ich will, gehe ich zielstrebig in den Laden. Die nette Frau führt mich in den Keller. Die Matte ist fest in Plastik eingewickelt:

rollmatratze

Ich sage also: „Ist das die mit den Maßen bla x bla?“ – „Ja.“ – „Super.“ Happy wuchte ich das Ding nach Hause.

Daheim packe ich sie freudig aus:

thaimatratze

Wäh! Das ist ja voll die Falsche. Viel zu schmal und dick.

Jeder normale Mensch hätte das von vornherein gesehen, auch im Plastik:

rollmatratze1

… darum hat die nette Frau bestimmt meine Maß-Frage bestätigt, weil die Breite sichtbar war und sie daher nur auf die Länge gehört hat.

Aber Gittes Hirn denkt so: „Ach, das ist deshalb so schmal, weil das so komisch gefaltet ist. Bestimmt faltet sich das dann auch quer aus.“ *ansHirnhau* Keine Ahnung, wo das ganze Material herkommen sollte, bei dieser Größe. Doch meine Logik trumpft im aktuen Fall jede herkömmliche Logik.

Zum Beispiel gehe ich immer an einer Schule vorbei, wo hinter einem großen Maschendrahtzaun ein Fußballverein trainiert. Direkt daneben ist ein Spielplatz mit einem Freizeitfußball-Betonplatz. Kürzlich stand plötzlich eine Tür im Zaun weit auf, die ich noch nie bemerkt habe. Das Fußballfeld ist  leer, aber auf dem Betonplatz sind lauter Spieler. Ich denke: „Die Fußballer sind ausgebrochen!“

Unpraktisch wird’s, wenn man gerade eine Rollmatratze heimgewuchtet hat – was voll schwer ist zu Fuß! – und jetzt wieder den gleichen Weg zurückgehen muss, um ein neues schweres Teil WIEDER zurückzuwuchten. Habe ich schon erzählt, dass ich es hassehassehasse, wenn ich immer die gleichen Wege gehen muss – erst recht, wenn es aus eigener Blödheit geschieht?!!

Ich rufe also die nette Frau an, die wahrscheinlich denkt, dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe, weil ich erst zu Hause merke, dass ich eine breite Matte haben will. Also alles wieder rückwärts.

In der U-Bahn

Als die U-Bahn einfährt, sehe ich: Voll. So voll, dass es schon ätzend ist, wenn man „so“ zusteigt. Fast unmöglich, wenn man einen riesigen Kasten vor dem Bauch trägt.

Nun weiß der Großstädter aber auch: Oana geht nu! [Einer geht noch, einer geht noch rein!]. Denn wenn man bei jeder vollen U-Bahn auf die nächste warten würde, käme man nicht weit. Außerdem ist meistens eh nur so voll, weil niemand in den Gang geht.

rollmatratze2

Ich sehe schon, dass die Leute mich ungläubig anstarren: Die wird doch nicht!

Sie wird. Ich reiße die Türe auf. Die Augen werden größer, aber die Meute weicht schon leicht zurück. – Da sehe ich was ganz Tolles …

Unmittelbar vor mir steht ein Mann mit einer großen Kiste.

– „Oh! Darf ich mich auf Sie stapeln?“
– „Aber gerne.“

rollmatratze3

[Da waren übrigens noch viel mehr Leute, aber ich bin zu faul, die alle zu malen. Bitte eine Sardinensituation vorstellen!]

Wir also tetrismäßig verschachtelt.
Die Menge atmet auf.

 

Autor:

x-fache Buchautorin, Schreibcoach + Schmarrnproduzentin - Für Schreibtipps bitte rüberspringen auf schreibnudel.de (da gibts auch einen kostenfreien, wöchentlichen Newsletter).

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Netzfundstücke | frau momos minimalismus

  2. Gitte,
    hey, du machst so richtig Lust aufs Unperfektsein und darüber zu bloggen. –
    Wie wärs: wir beide planen bei Ikea eine Kaffeeküche für betreutes Schreiben.
    Was da wohl am Ende rauskäme?

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    • Hahaha, Ulrike, „betreutes Schreiben“ – in letzter Zeit wurde auf Twitter auch schon über eine Plankton-Selbsthilfegruppe gesprochen …

      Antworten

  3. Pingback: Stereoblind | Himbeerwerft

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